| Der Begriff LIPSA steht für Lern-,
Interessen-, Persönlichkeitsentwickelnde Schüler- Angebote. Seit dem Schuljahr 99/2000 gibt es an der Markgrafen-Schule LIPSA für die
Fünftklässler. Aus vielen Gesprächen, Begegnungen und Kenntnissen von ,Vor-Ort-Initiativen' an Hauptschulen wird deutlich, daß sich momentan mindestens zwei große Umgestaltungsbereiche für diese Schulart mit großer Dringlichkeit abzeichnen. 1. Die verstärkte Öffnung und die Kooperation der Hauptschule in den Klassen 7 - 9 mit den Betrieben. Aus dieser Neuorientierung werden sich hoffentlich neue Wichtungen bei den Umsetzungen der Lehrplaninhalte, ein flexibleres Handhaben der Stundentafeln, ein stimmigeres, weil kenntnisreicheres Berufswahlverhalten der Schülerinnen und Schüler und eine Steigerung deren persönlicher Kompetenzen in den sogenannten Schlüsselqualiflkationen ergeben.
II. Der pädagogische Handlungsauftrag der Hauptschule Die entsprechenden Aussagen des Bildungsplanes zur pädagogischen Situation der Hauptschule lauten: "Die pädagogische Situation der Hauptschule ist durch die ethnische Herkunft und das soziale Umfeld" aus dem die Schülerinnen und Schüler kommen, und durch eine sehr unterschiedliche Leistungsfähigkeit "mitgeformt." (Bildungsplan HS Seite 10) Der Hinweis des Bildungsplanes auf das Eingebundensein der schulischen Arbeit der Hauptschule in die sozio-kulturellen Rahmenbedingungen ihrer Klientel ist ein Novum und von hoher Bedeutung. Der Erziehungs- und Bildungsauftrag einer allgemeinbildenden Schulart wird zum ersten Mal nicht als eine vorrangig bildungstheoretisch begründete Setzung gesehen, sondern als eine abhängige und gestaltbare Größe, welche sich an den jeweiligen Voraussetzungen der Schülerinnen und Schüler erst mitkonstituieren muss. Anders ausgedrückt, die Hauptschule ist eine allgemeinbildende, weiterführende Schulart, die zu differenzierten Schulabschlüssen führt - sie ist aber auch eine Schulart mit besonderem ,Fürsorgeauftrag'. Die besondere Fürsorge der Hauptschule gilt a) jungen Menschen aus verschiedenen Kulturkreisen und den damit oft verbundenen Orientierungs- und Integrationsproblemen und b) den vorwiegend deutschen aber teilweise auch ausländischen und spätausgesiedelten Schülern, die durch ihr häusliches Umfeld nicht die notwendige Unterstützung zu einer positiven ldentitätsbildung und Normensicherheit erfahren.
III. Der pädagogische Gestaltungsauftrag der Hauptschule Aus der Situationsbeschreibung der Hauptschule lassen sich drei Schwerpunkte für einen pädagogischen Gestaltungsauftrag ableiten. 1. Der Schüler als Mensch: Es gilt möglichst viele Lemsituationen zu schaffen, in denen der Schüler mit all seinen Fähigkeiten, seine Kreativität, seine Neugier und sein ,Welt verstehen wollen' entwickeln und einbringen kann. Solches Lernen wird in den einzelnen Fächern, fächerverbindend aber auch darüber hinaus mit dem neuen LIPSA-Programm zu entwickeln sein. Das Aufspüren, Wahrnehmen und gemeinsame Umsetzen solcher Schülerbedürfnisse stellt für die Lehrer eine hohe Herausforderung dar. Schreibt doch nicht mehr der Lehrplan fest, was unterrichtlich verhandelt wird, sondern die ,Sache' konstituiert sich durch den pädagogischen Dialog zwischen Lehrer und Schüler. Ein intakter ,Pädagogischer Bezug' (H.Nohl) bekommt für diese sinnstiftende Arbeit besondere Bedeutung.
IV. LIPSA und innere Schulentwicklung Die Diskussionen um die innere Schulentwicklung zeigen dass es wenig ergiebig ist, Schulen von außen auf Schulentwicklungsprogramme zu verpflichten. Dem gegenüber bestehen gute Erfolgsaussichten für innovatives Handeln, wenn die Handlungsfelder auf Grund eigener Betroffenheit oder aus dem Hinterfragen gängiger aber ungenügender Praxis entstehen. Dem entsprach die Situation bei unseren Kontakten mit Lehrern und Schulleitern über Möglichkeiten einer besseren Gestaltung der HS-Eingangsstufe. Viele gute Einzelaktivitäten waren bereits gestartet. So z.B. die Gestaltung von Schulaufnahmefeiern, alternative Formen des sich Kennenlernens, Neukonzeptionender ersten Schulwochen, Möglichkeiten der Entdeckung persönlicher Stärken, Klassenraumgestaltungen, musisch-kreative Unterrichtsschwerpunkte im 1. Quartal des Schuljahres usw. Die intensiven Kontakte zeigten aber auch deutlich, dass diese Aktivitäten vereinzelt neben einem im Ganzen noch unhinterfragten Schulalltag stehen. Es finden weder auf personaler noch auf organisatorischer Ebene Vernetzungen statt. Eine Kontiunität fehlt mangels langfristigem Rahmenplan. Nach H. Biermann (In Päd. Führung 2/96, S.63 if) muss die Schule mit dem permanenten Wandlungsprozeß in der Gesellschaft Schritt halten, da sie sonst von ihm überrollt wird. Für den Schulbereich nennt er den notwendigen Wandlungsprozeß ,pädagogische Schulentwicklung'. Sie vollzieht sich in den drei zentralen Bereichen Unterricht, Person und System. Biermann weist besonders darauf hin, dass Schulentwicklungsprozesse im lnnovationsfeld ,Unterricht' besonders gute Chancen auf Erfolg besitzen, da hier für die Lehrer schnell Resultate für die tägliche Arbeit zu sehen sind.
Umsetzungsschritte des LIPSA-Programms Aus den informellen Kontakten mit den Schulen wurde deutlich, dass große Bereitschaft für systematische Entwicklungsprozesse im Feld Unterricht vorhanden war. Es galt nun, eine pädagogische Rahmenkonzeption zu entwickeln, welche die grundsätzlichen Aussagen des Bildungsplanes und die innovative Praxis der Lehrkräfte vor Ort zu einem pädagogischen Handlungsmodell für die Hauptschuleingangsstufe zusammenfügt. Die vorhandenen Initiativen sind in diesem Sinn Bausteine des übergreifenden pädagogischen lnnovationskonzeptes (LIPSA) mit seinen vier Arbeitsschwerpunkten: 1 Stützkurse 2 Förderkurse 3 Interessenorientiere Angebote 4 Persönlichkeitsentwickelnde Angebote.
Um die Zielvorstellung, jeden Tag eine LIPSA-Stunde an gewichtiger Stelle im Stundenplan realisieren zu können, bedarf es Bereitschaft und Anstrengung, dies auch organisatorisch abzusichern. Im Dreierschritt der inneren Schulentwicklung bedeutet dies nach Biermann, neben den lnnovationsfeldern Unterricht und Personen, auch die systemische Ebene zur Absicherung der Innovation mit einzubeziehen. LIPSA-Stunden sollen den Schülern in allen vier Schwerpunkten zugängig sein, d.h., der schwächere Schüler soll nicht ein Schuljahr ausschließlich in Stützkursen Defizite aufarbeiten, sondern auch interessenorientierte Angebote usw. wahrnehmen können. Dafür wird den Schulen vorgeschlagen, jeweils nach 8 Wochen (8 W x 5 Std.= 40 Ustd.) Angebote zu beenden und den Schülern neue Wahlmöglichkeiten zu eröffnen. Auflösung der Klassenverbände für täglich eine Stunde und Bildung von Neigungs- u. lnteressengruppen bedeutet aus dieser Sicht, konzeptionell zwei Lehrer für diese Stunden als Team einzuplanen bzw. bei zweizügigen Systemen vier Lehrer für vier Schülergruppen. LIPSA-Angebote stehen für den einzelnen Schüler im Umfang von 5 Wochenstunden bereit. Dies entspricht einem Kernfach der Stundentafel. Dieses Stundenvolumen ist von den Lehrerteams curricular auf die vier Arbeitsschwerpunkte des Programms eigenverantwortlich und adressatenorientiert auszugestalten. Eine hohe Anforderung an die beteiligte Lehrer. Supervision soll dabei Hilfe geben.
Die Verwaltungsvorschrift zur Flexibilisierung des Unterrichts konnte in den Gesprächen als eine weitere Legitimation für innovative Unterrichtsorganisation und bedarfsorientierten Stundenressourceneinsatz herangezogen werden. Insbesondere die Entscheidung der einzelnen Schulen, 5 Stunden pro Klasse 5 aus der eigenen Stundenzuteilung für LIPSA einzusetzen, bedurfte Überzeugungskraft in den schulischen Gremien. Aber allen Verantwortlichen war einsichtig, dass diese fünf Stunden und die fünf zusätzlich aus dem Verfügungspool des Staatlichen Schulamtes für LIPSA gezielt zugeteilte Stunden, den Schülern bessere Chancen in allen Bereichen ermöglichen. |